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der stoff auf dem die träume sind – taschentücher 2018/19

zum fünften mal stellt bertl zagst bei steiner am fluss in plochingen aus. es sind räume, die sich für seine kleinformatige serie aus mischtechniken hervorragend eignen. die bilder sind auf unterschiedlich großen neuen stofftaschentüchern entstanden. so sind landschaften, seekarten mit plastischen fragmenten, figuren und organischen formen zu erahnen. immer wieder tauchenden grafisch-skriptorale spuren auf, doch die texte bleiben unlesbar.  der stapel an taschentücher wurde über eine längere zeit stück für stück abgearbeitet mehrere schichten farbe, und zeichnungen mit bleistiften liegen übereinander. auf den unterschiedlich gewobenen stoffen breiten sich stück für stück unterschiedliche kleinformatige traumwelten aus, deren interpretationen sehr offen sind.

Rede zur Ausstellungseröffnung

bertl zagst: der stoff auf dem die träume sind. 

taschentücher 2018−19

Aussstellung im steiner am fluss, Plochingen

vom 1. März bis zum 11. April 2019

Lieber Bertl Zagst, 

lieber Denis Makram, 

liebe Freunde der bildenden Kunst! 

Eigentlich sollte ich jetzt ‚leibhaftig‘ vor Euch und Ihnen stehen, aber da ich achtlos zwei Zusagen übereinandergelegt habe, aber entweder am einen oder am anderen, nicht aber an beiden Orten zugleich sein kann, muss ich der älteren vor der jüngeren Zusage folgen und kann daher nur virtuell in die Ausstellung 

bertl zagst: der stoff auf dem die träume sind.

taschentücher 2018−19

einführen. 

Sie sind auch bestens geeignet zum Trockenen von Sehnsuchtstränen, zum Abschiedswinken, zum Einwickeln von Pilzen, zum Abwischen des Schweißes, zum Verdecken des Gesichts, zum Verbinden der Augen, einfach so zur Zierde, als Sonnenschutz, zum Verknoten einer Erinnerung, als Liebespfand, das zufällig oder absichtsvoll verlegt oder plaziert Dramen in Gang setzt, als Tischdecke, mit Monogramm als Geschenk oder Teil der Aussteuer. Sie begleiten den Menschen, seit er zu spinnen und zu weben begonnen hat und führen in der wirklichen und in der fiktionalen Welt ein ebenso vielseitiges wie vielgestaltiges Leben: Stofftaschentücher, oder weniger stacksig, pragmatischer klingend, ‚Sack-, Nas- und Schnupftücher‘.

Das Maß eines (heutigen) Schnupftuchs ist genormt auf 30 x 30 Zentimeter, das Gewebe aus Baumwolle, der Saum mal glatt, mal mit Spitze verziert. Das Design mit Karos, ineinandergestellten Rahmen in meist gedeckten Farben, grau und blau und braun, dazwischen weiße Felder. Aus Gründen der Hygiene sind Schnupftücher kochbar. 

Eigentlich besitzt man nie genug Schnupftücher. Erasmus besaß angeblich 36 Stück, Friedrich Schiller sicher 33 bunte und 14 weiße, und Bertl Zagst hatte zuletzt einen Vorrat von 40 Stofftaschentüchern. Heute ist der Schrank leergeräumt und auf den Alltags- und Gebrauchsgeweben haben sich Träume niedergelassen, die die heute zu eröffnende Schau einem neugierigen und interessierten Publikum zeigt.

Bevor der Stoff Träume aufnehmen kann, muss er besonders aufbereitet werden. Die Quadrate sind mit weißer Dispersionsfarbe einseitig kräftig eingewalzt. Manchmal schimmert noch die frühere Farbe durch wie ein leises Echo, und die Struktur des Gewebes ist wie ein Wasserzeichen in die spröde Fläche eingeschrieben. Auf den so präparierten Tüchern finden die Träumereien des Künstlers erst einen Halt. 

2018/19 entstehen so mehrere Serien in nacheinanderliegenden Arbeitsgängen in Mischtechnik. Die früheste Serie weckt Erinnerungen an Ostseelandschaften, an Horizonte, in denen Land & Meer & Himmel zusammentreffen. Das Wasser erscheint auch als das verbindende Element in einer zweiten Serie (19 Arbeiten), die Sedimente und Spülsäume, Gesteinsgeschiebe, Früchte und Seegetier zeigt. Sie dokumentiert Schicht um Schicht, was der Tag zusammenträgt: Formen, Farben, Obstfasern oder Materialien aus einer alten Bastelkiste, Gedanken. Ersten Zufällen (im Sinne von Inspiration) folgen ergänzend oder widerspielend neue, die bereits auf dem Stoff sichtbaren Elemente und die inneren Bilder des sich von einem zum andern treiben lassenden Künstlers reagieren aufeinander, über das Ältere legt sich behutsam das Jüngere. So entstehen Bilder von besonderer Zartheit, rätselhafte und anrührende Projektionen aus dem Inneren. Manche Träumereien des mit Graphitstift, Wasser- oder Aquarellfarbe Erzählenden finden leichter Anschluss an Bilder und Stimmungen im Betrachter. Sie wecken Assoziationen, der Betrachter mag sich an Seekarten, die Umrisse einer Küste oder einer Insel erinnert sehen. Ein grotesker Körper erinnert an ein aus großer Tiefe aufgestiegenes Seegetier. Und dann finden sich Steine, immer wieder Steine, mit Rundungen, Schatten- und Lichtseiten. Steine als abgelagertes, angespültes Geschiebe, drapiert im Sediment. Manches liegt frei, über anderem hängt noch ein hauchdünner Schleier, vielleicht die glatte Wasseroberfläche. Die Elemente liegen nicht fest, sondern nur zufällig gerade so, und die nächste Welle wirbelt sie wieder auf, arrangiert sie neu. Wie ein verwehender Gedanke huschen Schriftzeichen vorüber, manchmal glaubt man ein Wort entziffert zu haben, aber was hilft hier ein Wort?

Eine dritte Serie bricht durch Faltungen die weißen Flächen auf, zwischen den Kanten brechen, leuchten Farben hervor, und die Schummerung des welligen Tuchs lässt ungleichmäßig rauschende Flächen entstehen, die sich manchmal zart färben oder mit bunten Körpern besetzen: mit Steinen, mit Schalen von Früchten oder auch mit Granatapfelkernen, die ein zentrales Motiv in den Arbeiten von Bertl Zagst sind. 

Traumbilder, Traumlandschaften, Traumgeburten. Manche quellen scheinbar aus dem Untergrund, manche sickern in ihn ein. Wieder andere – die ‚Steine‘ − liegen reif zum Zerplatzen, vielleicht nur Augenblicke, bevor sie mehr zu erzählen beginnen. Das nicht länger einsteckbare Tuch trägt die aufsteigenden Träume. 

Bertl Zagsts Miniaturen auf Taschentüchern stehen zur Erkundung bereit und fordern zum Weiterträumen auf. Wer sich auf ihr poetisches, auf sich selbst verweisendes und zugleich über sich hinausgehendes Erzählen einlässt, wird keiner weiteren Übersetzung bedürfen …