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resiliente geschichten

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Steiner am Fluss Bruckenwasen Plochingen

Resiliente Geschichten Bilder 2020 bis 2022

Die resilienten Geschichten rekurrieren auf den Zeitraum der pandemischen Ausbreitung des Corona-Virus. Die daraus resultierenden Maßnahmen, Lockdown und Reisebeschränkung, Schutzmasken und Impfung, Abstand und Nachverfolgung haben unser aller Leben massiv beeinträchtigt.

Für die Künstler allgemein beschreibt es aber eine besonders schwierige Zeit: keine Öffentlichkeit, kein zugelassenes Publikum, kein Austausch. Für Bertl Zagst im Besonderen bedeutet das für diesen

Zeitraum den Ausfall, im besten Fall die Verschiebung, von Projekten und Ausstellung und das Warten auf bessere Zeiten. Darüber hinaus einschneidend für ihn war es, nicht reisen zu können. Der Künstler ist nämlich ein intensiv Reisender, dessen polyglotte und weltoffene Erfahrungen sich unmittelbar in seinen Objekten und Zeichnungen niederschlagen.

Eindrücke und Inspiration hält er in den ihn ständig begleitenden Skizzen- und Notizbüchern fest, aus denen in der Folge größere Arbeiten, ganze Werkzyklen entstehen. Darüber hinaus zeichnet die meisten der von ihm verwendeten Materialien ein gewisser Migrationshintergrund aus. Zum Beispiel die Bretter der Obst- und Fischkisten, die Verbandsstoffe und Tücher als Malgründe und all die anderen Gegenstände, Fundstücke, die jeweils eine eigene Geschichte auszeichnet, mitunter fremde Kulturen bergen.

Dem Verlust dieser ihm gewohnten künstlerischen Praxis, dem Entdecken und Sammeln – draußen, unterwegs – entkommt er im Frühjahr 2020, in dem er für die Serie der Coronaletters die Kuverts und Versandhüllen von Rechnungen, Briefen, Werbung verwendet, die in seiner Post liegen.

In doppelt oder mehrteilig collagierten Clustern überarbeitet er sie mit Kreide, Grafit, Wasserfarben zu fast monochromen Reliefs, die in ihrer feinen Erhabenheit wie Mauern oder Fassadendetails erscheinen.

Dem Rückgriff auf den Bestand der eigenen Materialsammlung verdankt sich auch die Produktion der Serie Rose’s Tücher. Vor geraumer Zeit überließ ein richtiger Maler dieses Namens dem Künstler eine Rolle gebrauchter Abdecktücher, deren Spuren von Krusten, Flecken und Farbresten zu phantasievollen Landschaften verwandelt werden.

Ebenso seit vielen Jahren materielle Basis seiner Kunst und aus vielen unterschiedlichen Ländern sind die schon erwähnten Hölzchen und Brettchen, die neu arrangiert, übermalt, überzeichnet, beklebt und beschriftet werden, mit dem Werktitel Land+Wasser+unsichere Zeiten. Hier dominiert eine feine, sinnliche Farbregie – ein sommerliches Licht – und sehr zurückhaltend Figur oder Gegenstand.

Die aufgeklebten Fischsilhouetten verstärken die Wirkung einer heimlichen mediterranen Sehnsucht. Häufig dann noch, wie in vielen seiner Arbeiten, die schriftlichen Zusätze, beiläufige Textfragmente, kaum leserlich, Gekritzel, das das beschreiben von Stimmung wörtlich macht.

Resilienz umschreibt, wie widerstandsfähig man ist, ob wir Nehmerqualitäten zeigen und Durststrecken überwinden können. Bertl Zagst hat wie Frederick die Maus – aus dem gleichnamigen Kinderbuch – Sonnenstrahlen und Geschichten gesammelt, mit denen er uns aufmuntert, unterhält und ablenkt, sodass wir gar nicht merken, dass die Vorräte am Ende eines langen Winters aufgebraucht sind.

Bertl Zagst *1951 in Kirchheim. 1972-77 Studium an Akademie und Universität Stuttgart (Kunsterziehung, Bildhauerei, Kunstwissenschaft); Kunsterzieher von 1995-2017 am Georgii-Gymnasium in Esslingen und von 1989-1995 in Kairo; Mitarbeit in NGO-Projekten in Marokko; Kunstbeirat, Kurator und Mitglied in verschiedenen Gremien und Kunstvereinen; daneben unzählige Studienreisen, vor allem Orient, Maghreb und die Levante.

Christian Gögger

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